In Alsterdorf, einem lebendigen Stadtteil in Hamburg-Nord, wird seit fast 60 Jahren das Wohnen in Teilen des Viertels strikt untersagt. Diese Regelung hat zur Folge, dass Brachflächen, Leerstände und verwaiste Gebäude die Straßen zieren. Ein Großteil des Gebiets, das seit 1968 als reines Gewerbegebiet ausgewiesen ist, sieht eine Nutzung von 100% für gewerbliche Zwecke vor, während Wohnnutzungen unzulässig sind. Dies hat die lokale Petition „Wohnen in Alsterdorf endlich zulassen: Mischquartier statt Gewerbegebiet“ ins Leben gerufen, die sich an Bürgermeister, Senat, BSW, Bezirksverwaltung und Bezirkspolitik richtet.
Die Petition fordert eine Überprüfung der derzeitigen Regelungen und eine Neuausweisung des Gewerbegebiets als urbanes oder mischnutzbares Gebiet. Außerdem wird ein Dialog und mehr Transparenz über baurechtliche Regelungen gefordert. Die Initiatoren betonen, dass der Schutz bestehender Wohnnutzungen und die Ermöglichung von Neubau- und Sanierungsprojekten mit Mischnutzung, wie Gewerbe im Erdgeschoss und Wohnen darüber, essenziell sind.
Die Herausforderungen in Alsterdorf
Das Bezirksamt Hamburg-Nord hat jedoch betont, dass es an der bestehenden Gewerbestruktur festhalten möchte, da Gewerbeflächen im Bezirk knapp sind. Der Bebauungsplan Alsterdorf 8 sieht eine Intensivierung gewerblicher Nutzungen vor und schließt Beherbergungsstätten wie Hotels oder Boardinghouses aus, um Platz für produzierendes und handwerkliches Gewerbe zu sichern. Diese Entscheidung wurde durch einen einstimmigen Beschluss der Bezirksversammlung zur Förderung moderner Gewerbeentwicklung untermauert und zeigt die klare Richtung, die die Bezirkspolitik eingeschlagen hat.
Insgesamt umfasst das Gebiet entlang der Alsterdorfer Straße sowohl klassische Gewerbe- und Handwerksbetriebe als auch Dienstleistungen aus dem Gesundheitssektor. Die Entwicklung des Gewerbegebiets wird weiterhin unter Einbeziehung von Eigentümern und Gewerbetreibenden vorangetrieben, was die historische gewachsene, durchmischte Nutzungsstruktur des Viertels unterstreicht. Dennoch bleibt die Frage im Raum, ob die Bedürfnisse der Anwohner und der steigende Wohnraumbedarf in der Stadt ausreichend berücksichtigt werden.
Der Wohnraummangel in Deutschland
Die Situation in Alsterdorf ist nicht einzigartig. Laut einer Studie im Auftrag des Verbändebündnisses „Soziales Wohnen“ fehlen bundesweit mehr als 550.000 Wohnungen. Diese Lücke wird besonders in Großstädten wie Hamburg und Berlin spürbar, wo jede dritte leerstehende Wohnung länger als 12 Monate leer steht. Der Wohnraummangel wird durch hohe Zuwanderungszahlen und eine unzureichende Bautätigkeit verstärkt, während gleichzeitig viele Wohnungen leer stehen, was die Problematik weiter verschärft.
Im Jahr 2023 lebten 52% der Menschen in Deutschland zur Miete, was im Vergleich zu anderen europäischen Ländern wie Frankreich oder Spanien eine hohe Zahl darstellt. Die Mietpreise in Großstädten sind in den letzten Jahren enorm gestiegen, und die durchschnittlichen Wiedervermietungsmieten sind zwischen 2010 und 2022 um fast 70% gestiegen. Diese Entwicklung stellt eine große Herausforderung für die Politik dar, die versucht, dem akuten Bedarf an Wohnraum gerecht zu werden.
Abschließend bleibt festzuhalten, dass der Aufruf zur Unterschrift für die Petition in Alsterdorf nicht nur ein Zeichen für die Bedürfnisse der Anwohner setzt, sondern auch ein Teil der größeren Diskussion um Wohnraum in Deutschland ist. Es bleibt zu hoffen, dass die Verantwortlichen in Politik und Verwaltung den Dialog suchen und Lösungen finden, die sowohl den gewerblichen als auch den Wohnbedürfnissen der Stadtteile gerecht werden.